sich anfangs mit aller macht gegen das schreckliche verlangen seiner geliebten, nicht weil er altgläubig und von der heiligkeit der kirchlichen ehe überzeugt ist, sondern weil er weiss, dass die weit zu gemein und zu schlecht ist flir die ideale Verbindung, wie sie Bertha wünscht. Er fühlt ganz richtig, dass es eine Schurkerei wäre, der Schwär- merei eines jungen unerfahrenen geschöpfes ihre ehre, vielleicht ihr lebens- glück zu opfern, und er ist entschlossen, seiner liebe zu entsagen. Allein I. ENGL. SPRACHE U. LITTERATÜR. 239 die Hükunft in London vernichtet seinen entschluss. Bertba wird ausser von ihren verwandten auch noch von einem gewissen Eric Vicars erwartet und aufs herzlichste begrüsst. Dieser Erich Vicars, ein Australier, hatte viele jähre bei Bertha's vater gearbeitet und war wie ein familienglied behandelt worden, und in ihm erkennt Charlton mit recht einen gefähr- lichen, scrupellosen rivalen. Es ist ganz klar, dass der Australier alles thun wird, um sich Bertha's zu bemächtigen, und Charlton hat nicht das herz, die geliebte diesem menschen zu überlassen. Eines schönen tages zieht Hertha zu Charlton aufs land; sie werden von Mrs. Barwell, der alten haushälterin, als mann und frau empfangen. Das liebesgllick dauert solange ungetrübt, als sie ihr geheimnis bewahren; als Bertha, ihren grund- sätzen getreu, in grosser gesellschaft ihr wahres Verhältnis zu Charlton auseinandersetzt, fängt das martyrium des armen geschüpfes an. Dass sie wie eine aussätzige von der lllndlichen gesellschaft gemieden wird, könnte sie ertragen; dass die Londonnr männerweit sich ihr gegenüber gemein- heiten ärgster art erlauben, könnte sie vielleicht noch verwinden; was ihr aber das leben unerträglich macht, ist der gedanke, dass sich Charlton, ihrer eignen theorie gemäss, für vollkommen frei hält und in dieser frei- heit das alte Verhältnis zu Marian Travers zu erneuen scheint. Bertha entflieht, im tiefsten innern gebrochen, um nach Australien zurückzukehren, und Enc Vicars wartet lauernd darauf, das arme geschöpf als willkommene beute in empfang zu nehmen. Glücklicherweise ereilt Charlton Bertha und Vicars im letzten moment — Bertha ist sehr gerne bereit, das experiment von der idealen Verbindung aufzugeben und ein neues leben auf alter bewährter grundlage zu beginnen. Der autor von „1 forbid the Banns^ — es scheint dieser roman sein erstes grösseres werk zu sein — ist ein seltenes talent. Alle eigenschaften, die einen grossen romanschriftsteller machen, beherrschung der spräche, ein offenes äuge für menschen und dinge, eine sichere band, die das künstlerisch wesentliche vom zufälligen sondert, eine starke empfindung für leid und freud, überlegener humor, geist und witz, — alles dies scheint Moore zu besitzen. Wer ein „problem" behandelt, eine „these", wie z. b. der jÜDgere Dumas, läuft gefahr, wie eben dieser Dumas, die figuren seines romans oder dramas zu construieren ; wir haben es dann gewöhnlich mit abstracten Schemen, statt mit menschen von fleisch und blut zu thun. Unser roman ist nun nichts anderes als ein problem, und zwar dasjenige, welches im jähre 1888 von der Schriftstellerin Mona Caird angeregt und dann monatelang unter dem titcl „Is Marriage a Failure?'^ in der Londoner presse, speciell im Daily Telegraph behandelt wurde. Wenn man sich trotzdem nicht minder für jede einzelne gestalt des romans wie für die übrigens sehr befriedigende lösung des romans interessiert, so beweist das zur genüge, dass Moore Studien nach dem leben zu machen und für ein problem zu verwerten versteht Eine starke empfindung, um nicht zu sagen, dichterische Stimmung, ist ein hauptzug im Charakter unseres erzählers. Die scene auf der spitze der „Jacobsleiter" auf St. Helena, sowie das erste zusammenleben Charlton's und Bertha's, hat ein mann von entschieden poetischer begabung geschrieben. Ein urkräftiger humor zieht sich wie eine erfrischende brise durch das ganze buch; der hyper- 240 I. ENGL. SPRACHE U. LITTERATUR. geistreiche Cyril Southcote, der biederschuft Eric Vicars, der komische kleine seehcld Charlie Barham mit seinen unerschöpflichen „yams" würden dem grössten englischen humoristen keine schände machen. Was sich Moore mit der zeit wird abgewöhnen müssen, das ist der fehler, den er selbst an Souhtcote carrikiert, nämlich einen unange- nehmen tibcrfluss an geist. Die capitelUberschriftcn , die alle mit ,0n' anfangen, sind unausstehlich gekünstelt und aifectiert: On Flying Fish, On the Cutting of Cameos , On Italian Proverbs , On the Origin of Man, On the Liebig Principle, On Shadows, On leading a Horse to the Water, etc. Diese titel haben nicht das geringste mit dem Inhalte zu thun, es ist das allerunwesentlichste im capitel, das den autor zur wähl der Überschrift bestimmt; das ist das allermodemste , und wir haben ja ähnliches schon in Ibsen's ^Wildente", in Wildenbruch's „Haubenlerche* und in^andem literarischen producten der neuesten zeit erlebt. Die cynische oder cynisch sein sollende Überlegenheit über weit und menschheit ist reine affection, die durch Rudyard Kipling in mode ge- kommen ist; glücklicherweise sind die spuren dieses einflusses nicht allzuzahlreich in dem sonst ausgezeichneten buche. Dagegen verdankt der roman von Richard Pryce, ,Tirae and the Woman* mit seinem mysteriösen titel, der auch verteufelt wenig mit dem Inhalte zu thun hat, höchst wahrscheinlich seine existenz den ungeheuren erfolgen Kipling's, die allerdings unselbständige Schriftsteller zur nacheifenmg reizen mögen. Seit Ripling's „Piain Tales from the Hills' und noch mehr seit den „Gadsbys" ist jede verheiratete frau in Indien eine teufelin, jedes mädchen dagegen ein engel — glücklicherweise nur im englischen roman. Richar l Pryce überbietet nun Kipling insofern, als er uns eine mutter vorführt, die ihre tochter ins elend, das heisst, in eine lieblose ehe, stösst, nur um sich einen anbeter zu erhalten. Warum der titel „Time and the Woman" ? Mrs. Ruthven, die gottlose mutter, merkt, dass sie alt wird, als einer ihrer anbeter die entdeckung macht, dass Arabella, ihre tochter, die mutter an Schönheit übertrifft und sich in sie verliebt. Daher muss das junge mädchen aus dem wege; so wird Mrs. Ruthven über die zeit triumphieren. „A Wild Proxy" von Mrs. Clifford ist ein sehr kühner scherz mit einem ziemlich traurigen beigeschmack ; die Verfasserin von ,Aunt Anne" versteht die kunst der grossen humoristen, begebenheiten und menschen vorzuführen, über die wir unter thränen lachen. Helene Lambert ist die tochter eines reichen Londoner kaufmanns aus erster ehe. Sie hat eine vortrefHiche erziehung genossen, sie ist hübsch und gesund, hat also alle eigenschaften , um den wünsch ihrer Stiefmutter erfüllen zu können, nämlich zu heiraten und den andern mäd- chen platz zu machen. Sie hat aber auch alle Voraussetzungen, um mit einem braven manne glücklich zu werden. Sie ist in einer gewissen Ver- einsamung aufgewachsen und hat daher zeit und gelegenheit gehabt, sich mit ihrem eigenen gemüte zu befassen; sie besitzt infolge dessen ein besseres Verständnis fiir kunst und dichtung als mädchen in diesem alter zu besitzen pflegen. In ihrer einsamkeit sehnt sie sich von ganzem herzen nach liebe und leben, und dies umsomehr, als sie das richtige gefUhl hat, I. ENGL. SPRACHE U. LITTERATÜR. 241 dass sie im bause ihres vaters fremd und überflüssig geworden ist. In dieser kritischen läge lernt sie den wohlhabenden jungen Juristen Laurence- Halstead kennen, der sich von dem lieben mädchen angezogen fühlt und ihr dies auch in seiner ruhigen unauffälligen, fast philisterhaften weise zu erkennen gibt. Halstead ist bei seiner langsam keit weit von einer erklärung entfernt, als das plötzliche auftauchen seines quecksilbernen Vetters Frank Merreday, eines regierungsbeamten in Cairo, diese kata- Strophe beschleunigt. Die beiden vettern sind die besten freunde von der weit, was der eine nicht hat, borgt er sich ohne umstände vom andern — nur ist Halstead immer der andere. Als Frank Merreday Miss Lambert kennen lernt, steht sein herz sofojt in flammen, und bei seiner ungeheuren Offenheit wird es ihm schwer, seine gefühle zu verbergen. Halstead wird es schwül bei dem feurigen lobe, das sein vetter Helenen widmet, er geht in aller eile hin und wird bräutigam. Erank Merreday gibt es einen rechten stich ins herz, als er von der Verlobung erfährt, aber er ist im gründe eine gute ehrliche haut, und er gratuliert seinem vetter mit aufrichtiger freude. Nur eins ärgert ihn ernstlich an Halstead: er findet ihn zu kühl in seinem glücke, viel zu kühl. „I should be chanting on the housetop, if I were going to marry a girl like that", sagt er. Natürlich ist Frank brautführer und er begleitet auch das paar auf die bahn. Unglücklicher weise stösst Halstead's kutscher mit einem andern wagen zusammen, so dass er sich eine arge Verletzung zuzieht, und der junge ehemann lässt seine frau eine weile bei Frank, um dem verunglückten beizustehen. Ver- gebens mahnt ihn Frank, den kutscher liegen zu lassen und in den zug zu steigen. „Geh' doch